Bedürfnisorientierte Elternschaft, so far so good.
Hier kommt die bedürfnisorientierte Trainerschaft.

Mein Mann ist, zugegebenermaßen zwangsweise, mit mir auf die Reise der bedürfnisorientierten Elternschaft gegangen. Und obwohl er der größte Kritiker "meiner Erziehungsmethode" ist, übernimmt er das, was ich in unserer Familie etabliert habe, in seiner Rolle als Trainer.

Aber beginnen wir von vorne.

Vor 5 Jahren standen wir als Eltern fast jedes Wochenende am Spielfeldrand, um die Mannschaft unseres Sohnes anzufeuern. Oft haben wir uns gewundert, wie Trainer mit ihren Spielern umgehen und waren froh darüber, dass unser Trainer sanfter mit den Kindern umgeht. Die waren doch noch so klein und scheinbar konnte für viele andere der Druck nicht früh genug aufgebaut werden.

Nach ein paar Jahren und einige Veränderungen später, stellte sich mein Mann also selbst als Trainer auf. Seine Idee von Trainerschaft hat sich aus seinen Learnings seiner Trainerausbildung, seinem Vorbild Sebastian Stahl und "meinen Erziehungsmethoden" zusammengesetzt. Mit seinem Trainerkollegen Benny hat er einen Mann an seiner Seite, der selber wahnsinnig gut Fußball spielen kann und das neuartige Konzept zu 100% mitträgt.

Dass die beiden eine so wichtige Rolle im Leben der Kinder spielen werden, haben sie zu dem Zeitpunkt noch nicht geahnt.

Mit ihrem Konzept stellten sie sich dem Verein, den Eltern und auch den 9-jährigen Spielern vor.
Das ganze findet Anklang bei allen drei Parteien und schon war die Sache klar: Das hier wird nicht einfach eine Fußballmannschaft, es wird ein Abenteuer namens bedürfnisorientierte Trainerschaft.

Die Mannschaft wurde komplett neu zusammengewürfelt. Es war unruhig, viele Fragezeichen in den Blicken der Kinder und der Eltern. Mit der Kenntnis "Orientierung schafft Sicherheit" führen die Trainer die Kinder klar durch jeden Trainingstag und durch jedes Spiel. In der Podcastfolge erklärt mein Mann, dass Regeln wichtig sind und die eingehalten werden müssen. Schnell konnten die Kinder sich an die Regeln gewöhnen, haben aufgehört sich gegenseitig zu beleidigen und sind zu einem starken Team zusammengewachsen.

Da frage ich mich was "Team" eigentlich bedeutet in der Welt der Kinder.
Wenn ich die Jungs beobachte, dann wird mir klar, dass sie hier einen festen Freundeskreis haben, der sich 2-3x die Woche trifft. Sie haben alle eine eigene Rolle innerhalb dieser Gruppe gefunden, die sie erfüllen. Das besondere ist hier, dass keiner für seine Rolle bewertet wird. Sie dürfen hier frei sein und mit einem Ball spielen, sich umtacklen und gemeinsam lachen.

Ich beobachte die Trainer, in ihrem inneren Kampf zwischen "ich will den Jungen jetzt anschreien, weil er nicht das macht, was ich sage" und "ich weiß, dass es klappt, wenn ich ruhig bleibe."
Meistens gelingt es ihnen die Ruhe zu bewahren, das Kind als kleinen Jungen zu sehen, der einfach spielen will und dann eine Möglichkeit in Verbindung mit dem Spieler zu finden, ohne zu Schreien, ohne zu Bestrafen. Und siehe da, wie auch in der Elternschaft merken wir: es klappt alles so viel besser, wenn die Verbindung steht. Wenn Kinder und Trainer eine Einheit sind und miteinander arbeiten, nicht gegeneinander.

Und wenn es doch mal zum Meckern oder Schreien kommt, was übrigens völlig menschlich ist, dann sind die Trainer bereit das Gespräch mit dem Kind zu suchen und ihm zu erklären, was gerade passiert ist, warum er geschrien hat. DAS macht den Unterschied.

Viel zu oft sehe ich Trainer schreien. Wahrscheinlich haben sie es nicht anders gelernt, sie wissen nicht, dass sie es anders und besser machen können. In ihrer Welt funktioniert Fußball nun mal so.
Fakt ist: Wir können alle etwas ändern. Mit mehr Wissen und der Bereitschaft den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen.

Beeindruckt von der Umsetzung in ihrem Gebiet stehe ich jedes Wochenende am Spielfeldrand und schaue zu, wie unsere Kinder begleitet werden. Ich sehe, wie diese Mannschaft heraussticht durch den Mut, mit dem die Kinder sich über den Platz bewegen. Sie haben niemals Angst Fehler zu machen, weil die Trainer ihnen vermitteln: Fehler sind Helfer. Wie egal ihnen das Ergebnis zu sein scheint, wie emotional stabil sie in den letzten Wochen und Monaten geworden sind, auch wenn sie verloren haben, oder den Pokal nicht bekommen haben.

Ein Plädoyer an die Verbindung.

Deine Jill